Warum es keine Rolle spielt, ob eine Lehrerin ein Kopftuch trägt oder nicht

In der nächsten Woche schließe ich mein Seminar “Fragen des 21. Jahrhunderts: Aktuelle politische und gesellschaftliche Debatten in Deutschland” an der Radboud Universiteit Nijmegen mit der Vorlesung “Kirche, Religion und Glaubensfragen in Deutschland” ab.

Es liegt auf der Hand, dass ich dann auch auf das heutige Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Bezug auf das Thema “Kopftuchverbot” eingehe.

Meine persönliche Meinung ist im Rahmen einer universitären Vorlesung selbstverständlich uninteressant – ich äußere sie bisweilen nur, wenn Studierende mich direkt und nachdrücklich danach fragen.

An dieser Stelle bin ich freilich offener: Ich begrüße das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. Wir leben in einem Staat, in dem keine Religion bevorzugt oder benachteiligt werden sollte. Ich persönlich habe mit dem Christentum ebenso wenig am Hut wie mit dem Islam. Für mich spielt es keine Rolle, ob sich jemand mit einem Kreuzanhänger schmückt oder seine Haare – aus welchen Gründen auch immer – mit einem Kopftuch bedeckt.

Schulen und Universitäten sollten weltanschaulich neutral sein. Das ist die Theorie. Wenn ich mir meine eigenen Seminare in den letzten Jahren anschaue, muss ich jedoch eingestehen, dass ich meine atheistischen Grundüberzeugungen nicht zu jeder Zeit verbergen kann. Ich bin – bei aller wissenschaftlichen Objektivität – ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ich bin kein Lehrroboter.  Und ich behaupte: Das ist auch gut so.

Es ist auch gut, dass es in unserem Land christliche, jüdische oder muslimische Lehrkräfte gibt. Ihre weltanschaulichen Überzeugungen dürfen selbstverständlich nicht ihren Unterricht prägen bzw. Inhalte verzerren. Aber bei aller gebotenen Neutralität bleiben sie auch in der Schule Christen, Juden oder Moslems.

Viele Lehrer geben sich offen als Atheisten oder Agnostiker zu erkennen. Bei manchen geschieht dies eher am Rande bzw. völlig unbewusst. Wenn ein Lehrer sagt, dass er seit Jahren keinen Gottesdienst besucht hat, regt sich darüber niemand auf.  Ebenso sollte sich niemand darüber aufregen, wenn eine Lehrerin aus religiösen Gründen ein Kopftuch trägt.

Und mal ganz abgesehen davon: Eine Lehrerin mit Kopftuch ist eine Lehrerin mit Kopftuch und kein Kopftuch. Dieser Fetzen Stoff auf dem Haupt sagt nichts, rein gar nichts über ihre Qualifikationen aus. Darum muss es gehen. Entweder ist sie eine gute oder eine schlechte Lehrerin. Das Kopftuch spielt in diesem Zusammenhang absolut keine Rolle.

Wenn ich nächste Woche den niederländischen Studierenden die oben genannten Aspekte näher bringe, wird im Rahmen von Nachfragen oder Diskussionen auch irgendwann unweigerlich deutlich, dass ich persönlich kein Kirchgänger bin und das Thema “Religion” aus einer gewissen Distanz betrachte. Wenn ich weiblich und muslimisch wäre, würde ich vielleicht mit einem Kopftuch vor der Gruppe stehen. Ich würde vermutlich andere Akzente setzen. Aber ich würde mich auch dann bemühen, ein hochsensibles Thema möglichst objektiv zu präsentieren. So objektiv, wie ich sein kann. Ich, als Mensch aus Fleisch und Blut.

Islam und Homosexualität: Die Heuchelei der Konservativen

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie (Joh 8, 7)

Ach, es wäre schon toll, wenn sich die vermeintlich bibeltreuen Konservativen häufiger an diesen Oneliner des Gottessohnes aus Nazareth erinnern würden.

Heute morgen schwirrte mir dieser Gedanke erneut durch den Kopf. Da der Focus auch mit Auflagenrückgängen konfrontiert ist, stellte er zum 1.000 Mal die kommerziell attraktive Frage aller Fragen: “Passt der Islam zu Deutschland?” So macht Lügenpresse Spaß, mag der derzeit etwas frustrierte Pegida-Spaziergänger denken.

Es ist nicht erstaunlich, dass dieser Artikel auch auf facebook-Seiten von CDU-Politikern geteilt wird. Die Stamm(tisch)wählerschaft macht schließlich auch ihre Kreuzchen (na, gut, in Hamburg eher nicht 😉 ).

Und was fällt den letzten wackeren Konservativen in unserer Bunten Republik angesichts der o.g. Focus-Story ein? Klar, der Islam benötigt eine Reformation. Er muss liberalisiert werden. Mouhanad Khorchide ist ein Held (auch wenn niemand von der konservativen Armada je ein Buch von ihm gelesen hat).

So weit, so vorhersehbar. Amüsant wird es jedoch, wenn die Social-Media-Konservativen ihre “islamkritischen” Postings (don’t call them “islamophob”!) mit homophoben Auslassungen würzen. Ja, die Geistesverwandten der Twitterkönigin Erika S. (Reichsgau Danzig-Westpreußen) können es nicht lassen. Die böse Merkel-CDU hat ihren Markenkern verraten. Lesben und Schwule, die heiraten? SO geht das Abendland auch ohne Islam zu Grunde!

Eigentlich ist diese Heuchelei einfach nur lachhaft: Da gerieren sich manche Zeitgenossen als knallharte Aufklärer, die den “rückständigen” Moslems mal wieder tüchtig die Leviten lesen. Gleichzeitig geben sie sich jedoch als dauerempörte Gegner einer noch längst nicht vollendeten Gleichstellungspolitik in unserem Land zu erkennen. Das ist doch Liberalität pur sang, nicht wahr?

Übrigens: Wer nicht gänzlich faktenresistent ist, mag sich mal ausführlicher mit dem aktuellen Religionsmonitor der nicht gerade “linksgrünversifften” Bertelsmann-Stiftung, Sonderauswertung Islam, befassen. Daraus geht unter anderem hervor, dass 58 Prozent der Muslime, die sich als “ziemlich” oder “sehr religiös” bezeichnen, einer Heirat unter homosexuellen Paaren zustimmen.

Nun mag man argumentieren, dies seien 42 Prozent zu wenig. Ja, richtig. Aber wie viele Bos-/Steinbach-Konservative gönnen denn Lesben und Schwulen die Rechte, die sie für sich selbst in Anspruch nehmen? Es dürften deutlich weniger sein…

Die letzten Worte gebühren vor diesem Hintergrund Sir Francis Bacon:

Heuchelei ist nichts weiter als die Lebensweisheit der Kleinmütigen.

Es geht wieder los…

Lange war es an dieser Stelle ruhig. Ich kann euch aber versichern, dass union 21 nicht tot ist. Es geht wieder los. Warum? Wir leben in einer Zeit, in welcher wir Farbe bekennen müssen. Pegida, Hogesa, Tillich und der Islam… Und ich habe das Gefühl, wieder etwas sagen zu müssen. Das liegt auch daran, dass ich in gewisser Weise endlich “zu Hause” bin. Ein langer Irrweg ist vorbei. Doch dazu später mehr. Ich freue mich auf euch.